Archiv für die Kategorie ‘Kabarett’

Kolumne für eins.de – Jugendsprache

Sonntag, 27. Dezember 2009

Neulich durfte ich am Verpflegungsstand eines großen Kinokomplexes Zeuge einer Unterhaltung zweier Damen Anfang Zwanzig werden. Die erste, nennen wir sie Lady A, gab gut vernehmbar WORTWÖRTLICH folgende Aussage zu Protokoll:

„Du, bei der Ladies Night im Club XYZ (Name vom Autor geändert) gibt es für uns Ladies Sekt für nur 1,50 Euro, und hey, günstiger Sekt und coole Grooves zum Tanzen, was braucht eine Lady mehr?“

Während ich erst noch die Kameras gesucht habe, die hier gerade einen Werbespot für Dosensekt oder ähnliches aufzeichnen, wurde mir nach und nach bewusst, dass diese Aussage tatsächlich Teil einer richtig echten, zwanglosen „Wir-stehen-in-der-Schlange-Kommunikation“ zwischen zwei ganz normalen Mädels gewesen ist. Die Replik folgte auf dem Fuße. Lady B erwiderte:

„Naja, ein paar coole Boys dazu wären nicht schlecht.“

gefolgt von beiderseitigem Frohlocken, das bei diesen Holden aus einem mit der Hand vor dem Mund mädchenhaft abgebremstem Lachen bestand. Hihihi! Ich war fassungslos. Form und Inhalt des Gehörten erschütterte mich bis ins Mark. Gedanken und Fragen rasten durch meinen Kopf: Ist das die Emanzipation, von der alle reden? Hat Alice Schwarzer sich das so gedacht? Ist das Pendant zu „Lady“ nicht „Gentleman“ statt „Boy“? Gibt es eine Kostendeckung bei 1,50 Euro für Sekt? Und zu Guter letzt: Verdammte Scheiße, warum sprechen junge Menschen wie in einer bescheuerten Yogurette -Werbung miteinander. Ich wollte mich ja schon fast umdrehen und süffisant fragen:

„Sagt mal, trinken so sportliche Girls wie Ihr auch mal Sekt?“

Wahrscheinlich wäre mir prompt entgegengeschallt:

„Klar, aber billig muss er sein … und ein paar Boys und Beats dazu wären auch nicht schlecht.“

Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber dass sich die Jugendsprache jetzt dem Jargon anpasst, den Marketingmanager Mitte Vierzig für jugendlich-frech halten, hat mich doch sehr gewundert. Gibt man heute tatsächlich „guten Freunden ein Küsschen“? Geht es nicht mehr um die Wurst sondern um „die längste Praline der Welt“? Naja, wenigstens wird wohl nach wie vor gesoffen, getanzt und gebalzt. Die Menschheit wird also weiter existieren. Darauf einen Sekt für 1,50 Euro! Ach Shit … is’ nur für Ladies.


Euer Boy-Toby

Dieser Text erschien auf mainz.eins.de, einer Website, für die ich gelegentlich Kolumnen schreibe.

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Kolumne: Der Chat-Fenster-Sturz

Dienstag, 21. Juli 2009

Niemals waren die Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren so vielfältig wie heute. Zu vielfältig? Man weiß ja ob der Auswahl teilweise schon gar nicht mehr, wo man hinchatten soll. Da möchte man sich manchmal zum Chat-Fenster rausstürzen. Fast schon nostalgisch denkt man an die Zeiten zurück, in denen man es kaum erwarten konnte, am Computer die Mails zu checken, um jede noch so profane Nachricht mit lauten Jauchzern euphorisch zu bejubeln.

Heutzutage scheint der Spamfilter der einzig wahre Freund im digitalen Chaos zu sein – und der ist noch nicht mal bei Facebook! Der Mensch ist für diese moderne Flut an Informationen nicht gemacht. Wie lief denn beispielsweise im Mittelalter Informationsübermittlung? Na? Klar, mit Boten. Und so ein Bote ist halt auch mal im Wald von einem Räuber erschlagen worden. Wenn man so will, waren die Räuber der Spamfilter des Mittelalters. Und selbst wenn ein Bote mal durchgekommen ist – wenn er eine schlechte Nachricht hatte, wurde er vom Empfänger erschlagen. Wenn das heute noch so wäre – die Medienlandschaft
wäre menschenleer.

Ungefiltert prasseln Nachrichten über die Krise auf uns ein und bringen uns zur Gretchenfrage der Neuzeit: Sparen oder Konsumieren? Haut man heute die Kohle raus, ist das morgen gut für die Wirtschaft. Hält man das Bare heute bei sich, bekommt man auch morgen noch sein Bier in der Wirtschaft. Orientieren wir uns doch einfach am Staat – der haut derzeit massig Kohle raus, die er nicht hat. Das mache ich jetzt auch und sag der Kassiererin im Supermarkt:

„Bezahlen kann ich nicht, aber stellen Sie sich mein Geld einfach vor. Wie sie das verbuchen weiß ich zwar nicht, aber es gibt ein tolles Gefühl, oder?“

Erschienen im Juli 2009 auf mainz.eins.de

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Interview mit Deutschlandradio Kultur

Mittwoch, 08. April 2009

Vor ein paar Tagen habe ich, nach meinem Auftritt in Wuppertal, stand ich dem Radiojournalisten Christian Geuenich Rede und Antwort. Der daraus entstandene Bericht lässt sich auf der Website des Deutschlandfunk anhören. Viel Spaß damit …

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Kabarett vs. Comedy – Part II

Freitag, 20. März 2009

“Comedy & Kabarett – worin wird unterschieden, auch wenn es angeblich keinen Unterschied gibt?”

Diese Frage wurde mir letzthin gestellt. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Comedy und Kabarett ist eine der am häufigsten gestellten Interviewfragen, was direkt auch zeigt, wer sich am häufigsten mit dieser Einteilung beschäftigt: Journalisten. Es herrscht bei der schreibenden Zunft ein fast schon zwanghaftes Bestreben, jegliche Bühnendarbietung in eine Schublade zu stecken. Entzieht sich ein Künstler der klaren Einteilung setzt panikartig die Suche nach Referenzpunkten im Programm ein, die oftmals zu seltsamen Interpretationen führt. Somit ist die unsägliche Einteilung in Kabarett und Comedy oftmals sehr ärgerlich gerade für Künstler, die in der Kommunikation als Comedians bezeichnet werden. Warum das so ist, erläutere ich später.

In meinen Augen gibt es nicht nur angeblich keinen Unterschied zwischen Kabarett und Comedy, sondern tatsächlich. Kabarett mit seiner etymologischen Herkunft bezeichnete schon immer ein buntes Allerlei an Bühnendarbietungen im häufig kleinen Rahmen – also stilistisch ein sehr freier Begriff.

Was hier in Deutschland über die Jahre passiert ist, stellt sich für mich wie folgt dar: Kabarett wurde bekannt und daher auch hauptsächlich assoziiert mit politischer Satire, die im Ur-Kabarett einen großen Anteil hatte. Man muss dabei allerdings Folgendes anmerken: Wenn man die alten Recken des Kabaretts und deren Programme genauer betrachtet, finden sich auch vor allem in deren Vergangenheit Nummern und Programmteile, die gänzlich ohne offensichtlich politischen Bezug ausgekommen sind.

Es kam die Zeit, als dann eine neue Generation von Künstlern gesprochene Satire für sich entdeckte, aber ausschließlich vordergründig unpolitische Themen zum Mittelpunkt gemacht hat. Diese Gruppe wollte sich über den neuen Begriff Comedy vom althergebrachten Kabarett abgrenzen. Diese Trennung wurde auch von der anderen Seite dankbar angenommen und von hier nimmt das Unheil seinen Lauf.

Im Grunde wird auf der Medienseite auf Nachfrage häufig Kabarett als politische und Comedy als unpolitische, dem Alltag zugewandte Disziplin eingeordnet. Das wird spätestens dann schwierig, wenn ein Künstler auftaucht, der ganz offensiv beide Felder in seinen Programmen beackert. Wie dem auch sei – das alleine wäre noch nicht schlimm. Richtig ärgerlich wird es, wenn Comedy und Kabarett als Qualitätssiegel benutzt werden, also unter dem Motto „Kabarett ist clever, schlau und wertvoll – Comedy ist dumm, niveaulos und geistiges Fast-Food.“ Welche wenig konstruktiven Auswirkungen das haben kann, sieht man zum Beispiel am aktuellen Konflikt zwischen Matthias Riechling und Dieter Hildebrandt.

Es bleibt bei mir die Überzeugung, dass Comedy das englische Wort für Kabarett ist und es durchaus sowohl schlechtes Kabarett als auch gute Comedy im Sinne der weit verbreiteten Definitionen gibt. Die Berichterstattung sollte sich weniger mit Kategorisierung und mehr mit der Frage auseinandersetzen, wie es sich mit der Qualität der gebotenen Unterhaltung verhält. So!

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Kabarett vs. Comedy – Part I

Donnerstag, 19. März 2009

Immer und immer wieder muss man sich als Komödiant der Genre-Frage stellen: Macht man nun Comedy oder Kabarett? Bevor ich persönlich dazu Stellung nehme, möchte ich hier ein paar Statements von drei großartigen Kabarettisten (oder Comedians?) zitieren.

Wilfried Schmickler, Kleinkunstpreisträger 2009, sagte in einem Interview mit dem SWR dazu Folgendes:

“Wir haben zum Beispiel früher viel mit Verkleidungen gearbeitet im Kabarett. Da wird immer dieser komische Widerspruch zwischen Kabarett und Comedy konstruiert, den gibt es ja gar nicht. Eigentlich haben die Kabarettisten ja die Comedy erfunden. Zum Beispiel damals “Die 3 Tornados”, Kabarettisten aus Berlin, die zum ersten Mal das klassische Kabarett gesprengt haben und in Frauenklamotten oder in absurden Verkleidungen auf die Bühne gestürmt sind.”

Eine andere Position vertritt Dieter Hildebrandt heute in der Süddeutschen. Auf die Frage: “Wo liegt die Grenze zwischen Kabarett und Comedy?” antwortet er:

“Die ist total fließend, wir haben das ja lange im Scheibenwischer praktiziert. Da gab es komödiantische Elemente, und wir haben zugleich klargemacht, was und stört an der Politik. Einmal gab es eine ganze Sendung nur zur Gesundheitsreform und was sie aus den Leuten macht. Das war vielleicht nicht lustig, aber wichtig. Manchmal muss man eine Aussage machen, ohne auf Pointen Rücksicht zu nehmen. Wir haben nie auf Pointendichte gezielt, genau das ist der Unterschied zur Comedy.”

Vince Ebert wiederum bezeichnet in einer äußerst gelungenen Kolumne zum vorliegenden Thema Comedians als “neoliberale Kabarettisten”.

Gibt es einen Unterschied zwischen Comedy und Kabarett? Und wenn ja … wo liegt er? Und wenn nein, wer ist denn nun im Recht? Und wer braucht überhaupt diese Unterscheidungen? Das sind alles Fragen, denen ich mich gerade stelle. Die Antworten aus meiner Sicht kommen demnächst an dieser Stelle!

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